Halberstädter Ortsfeuerwehr zieht Bilanz über 2019

Das neue Jahr ist erst wenige Wochen alt, doch im Einsatzprotokoll der Freiwilligen Feuerwehr Halberstadt stehen bereits mehrere Einsätze. Das war im Januar des Vorjahres nicht viel anders. In den 12 Monaten 2019 weist die Statistik insgesamt 163 Einsätze mit 4004 Stunden aus, hieß es auf der Jahreshauptversammlung.

„Wie schon 2018 war auch 2019 ein einsatzintensives Jahr“, betonte Ortswehrleiter Martin Schulz in seiner Rückschau auf das zurückliegende Einsatz- und Ausbildungsjahr. Bereits in den ersten Stunden des 1. Januar wurde die Wehr zum Großbrand an der alten Hopfendarre in Emersleben gerufen. In der Mitte des Monats folgte der Brand in der Heinrich-Julius-Straße mit zahlreichen Verletzen und einem Todesopfer. „Dieser Einsatz, bei dem über 130 Feuerwehrleute aktiv waren, hat nicht nur uns unsere Grenzen aufgezeigt, sondern auch dem betroffenen Wohnungsunternehmen“, so Schulz.

In Erinnerung bleiben bei allen die Explosion in einem Einfamilienhaus in der Minslebener Straße, bei der der Bewohner schwer verletzt und eine große Menge Chemikalien gefunden wurde. Wenige Tage später folgte ein Dachstuhlbrand in einem etwas außerhalb gelegenen Gehöft in derselben Straße, wo die Wasserversorgung sehr schwierig war. Doch es gelang, den Brand unter Kontrolle zu bekommen und ein Übergreifen auf das Wohnhaus zu verhindern.

Zu den besonderen Einsätzen zählte Schulz einen Scheunenbrand in Ströbeck, den Mähdrescherbrand in Sargstedt, einen Wohnungsbrand in der Magdeburger Straße und den Brand im Ströbecker Schachmuseum, bei dem durch schnelles und richtiges Handeln vor Ort die Vernichtung von einzigartigem Kulturgut verhindert werden konnte.

Hinzu kam das Ausrücken bei 63 Brandmelderauslösungen, allein 35 in der ZASt. „Die ständigen böswilligen Auslösungen durch Bewohner der Einrichtung, überwiegend in der Nacht, haben an der Substanz und der Motivation unserer Leute gezehrt. Wir wurden regelrecht verheizt“, schaute Schulz zurück. Auch die Anwohner an der Fahrstrecke und die Famlienmitglieder der Einsatzkräfte seien von diesem „Alarmierungsterror“ genervt gewesen. Und bald war die Einsatzbereitschaft gefährdet, weil auch die Beteiligung stetig sank.

„Unsere Vorschläge zur Installation einer zeitlichen Verzögerung wurde von der zuständigen Behörde BLSA ignoriert. Briefe von uns und dem OB an den Innenminister zeigten keine Wirkung. Da war Handeln zum Schutz der Einsatzkräfte angesagt. Eine Demonstration gegen das Nichthandeln der BLSA wurde angemeldet“, erinnerte der Ortswehrleiter, „und schon bewegte sich etwas. Machtworte von Innen- und Finanzminister sorgten für die Umsetzung der Forderung. Das Ergebnis zeigt, dass die von uns vorgeschlagene Lösung funktioniert.“ Positives wurde zur Mitgliederentwicklung bemerkt. Aktuell sind 46 Kameradinnen und Kameraden aktiv. „Das ist zurückzuführen auf die gute Nachwuchsarbeit und die Stärkung durch Neuhalberstädter, die an ihren ehemaligen Wohnorten in der Feuerwehr waren. Die Entwicklung ist aber für uns kein Ruhekissen, wir werden weiterhin aktiv um Mitglieder werben.“ In Ausbildung befinden sich fünf Kräfte, darunter drei Mexikaner, die als Fachärzte im Ameos-Klinikum arbeiten. Die durchschnittliche Einsatzstärke beim Ausrücken lag bei 15 Kameradinnen und Kameraden. Damit können mindestens zwei Fahrzeuge mit den geforderten Funktionsstellen besetzt werden.

Im vergangenen Jahr wurden 50 Ausbildungsabende mit insgesamt 2388 Stunden und 1194 Teilnehmern durchgeführt. Aufgrund der gewachsenen Beteiligung wurde die Ausbildungsform auf Stationsbetrieb umgestellt. An den Stationen haben sich Lars Hartmann, Martin Rychlikowski, Andreas Braumann, Steffen Kelle, Andy Brennecke, Alex Rößling und Christian Becker als Ausbilder besonders hervorgetan, lobte Schulz.

Einsatzübungen gab es auf einer leer stehenden Station im Ameos-Klinikum, im Media Markt, in der Hochschule Harz mit praxisnahem Üben der Feuerwehr-Laufkarten sowie in einem leergezogenen Wohnblock, wo die Brandbekämpfung und Personenrettung mit nur acht Kameraden gemeistert wurde. Hier habe sich gezeigt, wie dünn die Personaldecke sein kann, wenn Urlaub, Krankheit, Arbeit und Ausbildung den Einsatz verhindern.

Als ein Problem sprach Schulz die Ausbildung im Landkreis an. Er kritisierte, dass die Teilnehmer zehn oder weniger Tage vor Lehrgangsbeginn erst informiert werden und nicht antreten können, weil sie u.a. in Schichten arbeiten und nicht tauschen können. Der Ortswehrleiter fordert ein Umdenken bei den Entscheidungsträgern im Landkreis.

Die vom Innenminister und Landesverwaltungsamt umgestaltete Vergütung für die Ehrenamtlichen bezeichnete Schulz als Katastrophe. „Mit der Regelung Honorar statt Aufwandsentschädigung wurde die Kreisausbildung zum Zusammenbruch gebracht. Zwar hat der Innenminister inzwischen beiden Vergütungsvarianten zugestimmt, doch diese Vorgehensweise fernab von der Basis agierender Entscheidungsträger ist nicht zu entschuldigen.“ Ein weiteres Problem: Kameraden, die sich in ihrer Freizeit weiter qualifizieren wollen, wird das erschwert, weil es noch immer keinen Ausbildungsplan des Landkreises für 2020 gibt. Schulz fordert, das schnellstmöglich zu ändern.

Kritik hagelte es auch für die Vergabe von Terminen beim Arzt für die Untersuchung und für die Pflichtausbildung der Atemschutzgeräteträger. Auf Arzttermine musste Monate gewartet werden, die Ausbildungsstrecke in Thale war im August wegen Urlaub geschlossen. „Das darf so nicht weiter gehen. Der Landkreis hat die Pflicht, es uns einfacher zu machen und nicht weiter zu komplizieren.“

2019 war ein Jubiläumsjahr: 145 Jahre Halberstädter Feuerwehr. Aus diesem Anlass gab es im Mai einen gut besuchten und erfolgreichen Tag der Feuerwehr, bei dem sich die Ortsfeuerwehr präsentierte und von der Hauptberuflichen Wache und Ortswehren unterstützt wurde. Besonderes Lob gab es für die Kinder- und Jugendfeuerwehr.

„Jeder von euch hat wieder an seinem Platz das Beste gegeben“, bedankte sich Martin Schulz für das große Engagement, die guten Leistungen und vielfältigen Ideen. Mein Dank gilt auch den Ortswehren, die uns bei den Einsätzen unterstützt haben.“ „Ich wünsche mir für dieses Jahr weiterhin viele Ideen, wie wir unsere Ausbildungen interessanter gestalten und Abläufe optimieren können. Den kameradschaftlichen und freundschaftlichen Umgang untereinander zu pflegen, betrachte ich als selbstverständlich. Viele Herausforderungen liegen vor uns. Ich wünsche, dass wir alle nach den Ausbildungen und Einsätzen unversehrt zu unseren Familien zurückkehren“, schloss der Wehrleiter seine Jahresbilanz.

Oberbürgermeister Andreas Henke sprach von einer beeindruckenden Berichterstattung, die sehr anschaulich belege, was geleistet wurde. Er dankte allen, die 2019 dazu beigetragen haben. Das Mitgliederproblem sei trotz positiver Entwicklung noch nicht vom Tisch, sagte Stadtwehrleiter Thomas Dittmer. Es gelte weiterhin dranzubleiben.

Während man mit modernster Technik ausgestattet und in punkto Ausrüstung gut aufgestellt sei, gebe es bei der Bekleidung Nachholebedarf. Notwendige Neuanschaffungen könnten bei dem geplanten Budget nicht realisiert werden. Landtagsabgeordneter und Stadtrat Daniel Szarata (CDU) verkündete, dass seine Fraktion im Stadtparlament beantragen werde, im Haushalt wieder 26.000 Euro für die Feuerwehr einzustellen, damit das Bekleidungsproblem gelöst werden kann. Er dankte nicht nur den Kameradinnen und Kameraden für ihr Engagement, sondern auch deren Familien, ohne die solch ein Ehrenamt nicht funktionieren würde.

Enrico Einecke, der 1992 bis 1999 bei der Ortsfeuerwehr aktiv und zur Versammlung aus Rheinland-Pfalz angereist war, hatte eine Menge Material zur Halberstädter Feuerwehrgeschichte im Gepäck. Er übergab 50 Seiten Historie, die von Werner Hartmann verfasst wurden, und mehrere Fotoalben. Jetzt müssten nur noch die letzten 75 Jahre aufgearbeitet werden, um die Chronik zu komplettieren.

Gemeinsam mit dem Oberbürgermeister und dem Stadtwehrleiter nahm der Ortswehrleiter abschließend Ehrungen und Beförderungen vor.
Im Schlusswort gab Martin Schulz einen kurzen Ausblick auf Bevorstehendes. So werde man aufgrund der neuerlichen Mitgliederentwicklung wieder die Versorgung beim Osterfeuer übernehmen. Geplant ist auch eine intensive Ausbildung am Tanklöschfahrzeug 4000 und gemeinsame Ausbildung mit der Feuerwehr Wegeleben.

Beförderungen
Jonas Bollmann, Feuerwehrmann
Niklas Sandhagen, Feuerwehrmann
Kai Siersleben, Hauptfeuerwehrmann
Christian Becker, Oberlöschmeister
Andreas Braumann, Oberbrandmeister

Berufung
Chris Buchold, Maschinist für Löschfahrzeuge

Ehrungen für Treue Dienste
Karl-Heinz Knothe, 60 Jahre
Stefan Walther, 20 Jahre
Tobias Zwengel, 20 Jahre

Text: Gerald Eggert

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